Habilitationsprojekt Dr. Birgit Ulrike Münch

Jenseits der Académie. Studien zu alternativen Kunstöffentlichkeiten in Frankreich und den Niederlanden von 1450 bis um 1815 

(eingereicht im Dezember 2015, abgeschlossen am 29.06.2016)


Untersuchungsgegenstand des Projekts sind Beschreibungen faktitiver wie nicht-faktitiver Räume der Öffentlichkeit von Kunstwerken, primär im Zeitraum vom mittleren 15. Jahrhundert bis um 1815 in Frankreich und den südlichen wie nördlichen Niederlanden als jene Länder, die vormals den Machtbereich des Herzogtums Burgund zur Zeit Karls des Kühnen beschrieben haben und – so die These der Arbeit – hierdurch einen Kulturraum umfassen, in welchem sich im Sinne einer longue durée bestimmte gemeinsame Aspekte der Kunstöffentlichkeit abgebildet finden. Ausgehend von der Prämisse, dass das von der soziologischen und philosophischen Forschung angebotene Konzept von „Öffentlichkeit“ nur bedingt auf die historische Faktizität von Kunstöffentlichkeit anwendbar ist – ebenso wie der Öffentlichkeitsbegriff bei Habermas von der Geschichtswissenschaft bereits in vielen Fällen modifiziert und historisiert wurde – muss für das Thema der Kunstöffentlichkeit wiederum eine
 neue terminologische Apparatur erarbeitet werden. Hierzu ist die Auswertung von sammlungsgeschichtlichen und kunsttheoretischen Traktaten, Briefen, Kunstkritiken, Zeitungsartikeln, Inventaren, Reiseberichten, Ausstellungsbesprechungen und in geringerem Maße auch Festbeschreibungen nötig.
 

Verortbare Wissensräume von Kunstöffentlichkeit stehen den ephemeren und imaginären Wissensräumen von Kunstöffentlichkeit gegenüber – etwa bezüglich der Frage, in welcher Art und Weise bestimmte Personen in ihren Schriften die Öffentlichkeit von Kunst definieren, problematisieren und kategorisieren.
 

Bereits vor und parallel zu der Entwicklung früher Formen „öffentlicher“ Ausstellungsräume waren profane wie religiöse Kunstwerke stets einer spezifischen, jedoch bislang nicht näher spezifizierten Öffentlichkeit zugänglich. Dies geschah beispielsweise am Rande von feierlichen Einzügen, in Privatkapellen, bei Kunstlotterien oder -märkten. So entwickelte sich auch in Paris im Zuge der Fronleichnamsprozession an der Place Dauphine ab 1644 ein „temporärer Ausstellungsraum“: Tapisserien wurden an Häuserwänden befestigt und hierauf Gemälde präsentiert, ebenso wurden Goldschmiedekunst und sogar eigens für die Prozession arrangierte „Altäre“ zur Schau gestellt. Ebenso galt es den Malern als höchste Auszeichnung, das sogenannte Mai-Bild einer Bruderschaft der Pariser Goldschmiedezunft, der confrérie des orfèvres St. Anne et St. Marcel, ausführen zu dürfen: nicht der Lohn war hier ausschlaggebend, sondern die Tatsache, dass das Gemälde unter einem Baldachin vor dem Portal von Notre-Dame dem Publikum präsentiert wurde und ekphrastisches Lob vonseiten der Bruderschaft durch Flugschriften erhielt.
 

Die Mitgliedschaften des frühneuzeitlichen Künstlers in unterschiedlichsten Künstlervereinigungen, Lukasgilden und religiösen und profanen Bruderschaften werden innerhalb des Projekts primär unter den Aspekten „Nobilitierungsstrategie“ und „Netzwerkbildung“ untersucht, die es dem Künstler erlaubte, eine größere Öffentlichkeit für seine Werke zu gewinnen und quasi im übertragenen Sinne ein Podium für seine Werke zu finden. Gerade im Falle jener confréries und Vereinigungen, die eben nicht nur ausschließlich Künstler aufnahmen, wie etwa auch die niederländischen Rhetorikergilden oder rederijkerskamers, ist dies ein bislang von kunsthistorischer Seite desiderat behandeltes Phänomen.
 

Wie verändert sich die Funktion von Kunstöffentlichkeit während der Aufklärung, wodurch gewinnt sie an Relevanz? Ein Ergebnis der Arbeit soll die Beantwortung der Frage sein, ob die Invention neuartiger Bildsujets, wie im Falle der Genremalerei mit ihrer von der Aufklärung beeinflussten künstlerischen Konzeptualisierung des Individuums, auch neuartige Sphären der Öffentlichkeit evozierte; ob also nicht allein die Öffentlichkeit formativ auf das Kunstwerk einwirkte, sondern sich ein spezifisches Kunstwerk gleichsam seine eigene Form von Öffentlichkeit schuf. Ein zentraler Punkt ist hierbei der die vormodernen Ländergrenzen übergreifende Vergleich, und im Gegensatz zur bisherigen Forschung stehen vor allem die klare Definition sowie die Analyse der Transformationen im Mittelpunkt, denen diese Öffentlichkeitssphären in Prozessen langer Dauer unterlagen.