Tagung und Publikation
Call for Papers / Call for Articles (CfP / CfA)
Die Kunst des Scheiterns: Hybridität, Risiko und die Grenzen des künstlerischen Handelns, 1450–1900
IX. Philipp-Hainhofer-Kolloquium
Augsburg, 19. – 21. März 2027
Der Augsburger Kunstunternehmer Philipp Hainhofer (1578–1647) konzipierte höchst artifizielle Prunkmöbel, die zumeist zahlreiche, ebenso meisterhaft ausgearbeitete Ausstattungsstücke enthielten
und zu den komplexesten Kunstwerken seiner Zeit gehörten. War der Pommersche Kunstschrank (1611–1617), das früheste dieser großen Möbel, noch als Auftragswerk erstellt worden, ließ Hainhofer seine
späteren Großprojekte nur noch für den freien Markt anfertigen. In diesen Werken bündelten sich Aktivitäten der künstlerischen und ikonographischen Konzeption, der Organisation eines arbeitsteiligen,
verschiedenste Künste vereinenden Arbeitsprozesses, der Vermarktung des geschaffenen Produkts und nicht zuletzt auch solche der Logistik, des Transports und der Erhaltung. Hainhofer setzte diese
Praxis selbst dann fort, als sich, nicht zuletzt aufgrund des Ausbruchs des Dreißigjährigen Krieges, seine wirtschaftliche Situation stetig zu verschlechtern begann. Seine späten Kunstmöbel
erreichten einen Grad an Komplexität und Größe, dass sie über die Maßen kunstvoll, aber aufgrund ihres hohen Preises und ihrer schwierigen Handhabbarkeit kaum noch zu vermitteln waren. Mit anderen
Worten: Hainhofer verfolgte gezielt ein künstlerisches Konzept, obwohl es mit einem hohen Risiko des Scheiterns behaftet war.
Aus diesem Grund wurde für das IX. Philipp-Hainhofer-Kolloquium die Problematik des Scheiterns in den Künsten und Wissenschaften als Ausgangspunkt gewählt. Hainhofer war bekanntlich nicht nur
Kunstagent, er vermittelte auch Wissensmedien und politische Informationen. Daher sollen sowohl Projekte und Objekte der bildenden Künste als auch solche der Wissensvermittlung vom Spätmittelalter
bis in die Zeit um 1900 thematisiert werden. Ziel ist es, mit einem komparatistischen Ansatz konkrete Vorhaben der Kunst- und Buchproduktion vor dem Hintergrund des Risikos des Scheiterns zu
beleuchten und die kritischen Faktoren zu benennen. Dabei können verschiedene Aspekte eine Rolle spielen. Zunächst sind die Rahmenbedingungen zu benennen, etwa materielle und technische Probleme bei
der Umsetzung oder auch Innovationsprozesse, die zu neuen, experimentellen, aber auch unerprobten Verfahren führen. Zudem ist die Diskrepanz zwischen dem künstlerischen oder auch verlegerischen
Anspruch der Produzenten auf der einen Seite und dem Marktdruck und der Erwartungshaltung von Publikum und Auftraggeberschaft auf der anderen Seite als ein wesentlicher Grund für das Fehlschlagen von
Projekten auszumachen. Ambitionen und Überbietungsstrategien können sich im Verlauf eines Werkprozesses so weit steigern, dass Projekte ab einem gewissen Punkt nicht mehr überschaubar sind und sich
die Ressourcen an Zeit und Finanzmitteln erschöpfen. Auch können solche Projekte der Öffentlichkeit nicht mehr kommunizierbar oder aufgrund mangelnder Vergleichbarkeit unverständlich bleiben, was
nicht nur für Kunst-, sondern in ähnlicher Weise auch für Buchunternehmungen gilt. Desgleichen ist der Aspekt der Funktionalität zu bedenken, insbesondere bei Projekten der Architektur und der
Angewandten Künste, aber auch der Skulptur (etwa bei Grabmälern).
Vorrangig steht somit die inhärente Eigendynamik von künstlerischen und wissensorganisatorischen Werkprozessen unter den Leitbegriffen ‚Hybridisierung‘, ‚Komplexität‘ und ‚Größe‘ im Zentrum des
Erkenntnisinteresses der geplanten Tagung. Das Spektrum soll dabei alle Gattungen der Kunst- und Buchproduktion umfassen und von Projekten wie den Kunstschränken Hainhofers bis hin zur Idee des
Gesamtkunstwerks im späten 19. Jahrhundert reichen.
Bitte schicken Sie Ihren Vorschlag (max. 2.000 Zeichen) zusammen mit einem CV (ggf. mit Angabe einschlägiger Publikationen) bis zum 30. September 2026 an: Hainhofer-Kolloquium-9@t-online.de
Die Reise- und Übernachtungskosten werden für Vortragende (bei Tandem-Teams in der Regel nur für eine Person) vom Veranstalter übernommen bzw. bei Auslandsreisen ggf. ein Zuschuss zu den Fahrtkosten gezahlt. – Tagungssprachen sind Deutsch und Englisch.
Doktorandinnen und Doktoranden sowie Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler der Post-doc-Phase werden ausdrücklich zur Bewerbung ermutigt.
Die angenommenen Beiträge werden in einem von Andreas Tacke, Michael Wenzel und Marika Keblusek herausgegebenen Sammelband in der Schriftenreihe Hainhoferiana beim Michael Imhof Verlag (Petersberg) im März 2028 gedruckt; verbindlicher Abgabetermin für alle Manuskripte wird der 3. Oktober 2027 sein.
Geplant ist, Vorschläge, die wir bei der Zusammenstellung des Programms aus Platzgründen nicht berücksichtigen können, bei der Publikation mit aufzunehmen.
Veranstaltet und finanziert vom DFG-Langfristvorhaben (HAB, Wolfenbüttel und Stiftung LEUCOREA, Lutherstadt Wittenberg) der kommentierten digitalen Edition von Philipp Hainhofers (1578–1647) Reise- und Sammlungsbeschreibungen (namentlich Prof. Dr. Dr. Andreas Tacke) und dem Institut für Europäische Kulturgeschichte (IEK) der Universität Augsburg (namentlich Prof. Dr. Günther Kronenbitter und Prof. Dr. Ulrich Niggemann) in Kooperation mit Dr. Michael Wenzel (Herzog August Bibliothek, Wolfenbüttel) und Prof. Dr. Marika Keblusek (Associate Professor at the Leiden University Centre for the Arts in Society).
The Art of Failure: Hybridity, Risk and the Limits of Artistic Projects, 1450–1900
9th Philipp Hainhofer Colloquium
Augsburg, 19–21 March 2027
The Augsburg art entrepreneur Philipp Hainhofer (1578–1647) designed highly elaborate display furniture, most of which contained numerous, equally masterfully crafted fittings and ranked among the most complex works of art of his time. Whilst the Pomeranian Art Cabinet (1611–1617), the earliest of these grand pieces of furniture, was created as a commissioned artwork, Hainhofer had his later major projects produced only for the open market. These works combined artistic and iconographic conception, the organisation of a collaborative working process that brought together a wide variety of arts, the marketing of the finished product, and, not least, logistics, transport and conservation. His late pieces of furniture reached such a degree of complexity and scale that, whilst exceptionally artistic, they were virtually impossible to sell due to their high prices and the difficulty of handling them. In other words: Hainhofer deliberately pursued an artistic concept, even though it was fraught with a high risk of failure.
For this reason, the 9th Philipp Hainhofer Colloquium has chosen the issue of failure in the arts and sciences as its starting point. As is known, Hainhofer was not only an art agent; he also acted as a mediator of knowledge and political information. Consequently, the focus will be on projects and works in the visual arts as well as those in the field of knowledge dissemination, spanning from the late Middle Ages to the period around 1900. The aim is to take a comparative approach to examine specific projects in art and book production against the backdrop of the risk of failure and to identify the critical factors involved. A variety of aspects may play a role here. First, the general conditions must be addressed, such as material and technical problems during production or innovation processes leading to new, experimental, yet untested methods. Furthermore, the discrepancy between the artistic or publishing ambitions of producers on the one hand, and market pressures and the expectations of audiences and clients on the other, can be identified as a key reason projects might fail. Ambitions and strategies of competition can escalate to such an extent during the creative process that, from a certain point onwards, projects become unmanageable and resources—both in terms of time and funding—are stretched to breaking point. Furthermore, such projects may become difficult to communicate to the public or remain incomprehensible due to a lack of comparability, a consideration that applies not only to art but also, in a similar vein, to publishing ventures. Likewise, the aspect of functionality must be taken into account, particularly in projects involving architecture and the applied arts, but also in sculpture (for example, in the case of funerary monuments).
The planned conference will therefore focus primarily on the inherent momentum of artistic and scientific working processes, under the key concepts of ‘hybridisation’, ‘complexity’ and ‘scale’. The scope is intended to encompass all genres of art and book production, ranging from projects such as Hainhofer’s art cabinets to the concept of the Gesamtkunstwerk in the late 19th century.
Researchers from all academic disciplines are therefore invited to submit proposals for an interdisciplinary exchange on the conference theme. Please send your proposal (max. 2,000 characters) together with a CV (including details of relevant publications, if applicable) by 30 September 2026 to: Hainhofer-Kolloquium-9@t-online.de
Travel and accommodation costs for speakers (in the case of tandem teams, usually for one person only) will be covered by the organiser. If you are traveling from abroad, we will also try to cover the costs, but we may only be able to cover a portion of the travel costs. – The conference languages are German and English.
PhD students and postdoctoral researchers are strongly encouraged to apply.
Accepted papers will be published in an edited volume by Andreas Tacke, Michael Wenzel and Marika Keblusek, in the Hainhoferiana series by Michael Imhof Verlag (Petersberg) in March 2028; the deadline for submission of all manuscripts is 3 October 2027.
Organised and funded by the DFG long-term project (HAB, Wolfenbüttel and the LEUCOREA Foundation, Lutherstadt Wittenberg) for the annotated digital edition of Philipp Hainhofer’s travel and collection accounts (namely Prof. Dr. Dr. Andreas Tacke) and the Institute for European Cultural History (IEK) at the University of Augsburg (namely Prof. Dr. Günther Kronenbitter and Prof. Dr. Ulrich Niggemann) in cooperation with Dr. Michael Wenzel (Herzog August Bibliothek, Wolfenbüttel) and Dr. Marika Keblusek (Associate Professor at the Leiden University Centre for the Arts in Society).