Tagung und Publikation

Call for Papers / Call for Articles

Körperwunder Kleinwuchs. Wahrnehmungen, Deutungen und Darstellungen kleinwüchsiger Menschen und die ›Zwergenmode‹ in der Frühen Neuzeit (1500–1800)

V. Philipp-Hainhofer-Kolloquium der Schwabenakademie Irsee

Irsee, 31. März – 2. April 2023

Die Geschichte von Menschen mit außergewöhnlichen Körpern ist in den letzten Jahren zu einem interdisziplinären Forschungsfeld geworden. So haben sich körper-, kunst-, kultur- und medizinhistorische Arbeiten aus jeweils unterschiedlicher Perspektive mit gesellschaftlichen Konzeptionen und Wahrnehmungsweisen des ›anderen Körpers‹, mit künstlerischen und literarischen Darstellungen körperlicher Abweichungen oder kulturellen Imaginationen des ›Monströsen‹ beschäftigt. In ähnlicher Weise wird auch in der Disability History nach Konstruktionen von ›Behinderung‹ im Spannungsfeld von Normalität und Differenz und der Handlungsmacht ›behinderter‹ Akteure gefragt. Kleinwüchsige Menschen sind in diesen Studien bislang eher am Rande in Erscheinung getreten – vor allem deshalb, weil sie weder dem typischen Bild frühneuzeitlicher ›Monstrositäten‹ noch dem typischen Bild von ›Behinderten‹ entsprechen. Tatsächlich nahmen Kleinwüchsige – in der Regel als „Zwerge“ bezeichnet – in diesem Kontext eine Sonderrolle ein. So waren Menschen, die „die gewöhnliche Leibesgröße nicht erreich[en], sondern weit darunter unmäßig klein bleibe[n]“ (Art. Zwerg, Nanus, Pumilio, in: Jablonski: Allgemeines Lexicon der Künste und Wissenschafften, Leipzig 1721, S. 915,) nicht nur ›lebendige Kuriositäten‹, die als Erwachsene im Kindskörper einen besonderen Reiz auf ihre Zeitgenossen ausübten. Sie waren auch aufs Engste mit dem Mythologischen, Grotesken und der Welt der Sagen und Märchen verknüpft, was seinen Niederschlag in einer reichhaltigen visuellen und kulturellen Überlieferung gefunden hat. Seit dem 16. Jh. traten Kleinwüchsige als typische Schausteller auf Jahrmärkten auf; zur gleichen Zeit wurden „Hofzwerge“ zu einem gesamteuropäischen Phänomen. Was auf der einen Seite mit einer durchaus privilegierten Stellung einhergehen konnte, war auf der anderen Seite oft mit Zurschaustellung, Spott oder einem aufkommenden wissenschaftlich-anatomischen Interesse verbunden. Einzelne Kleinwüchsige etwa wurden nach ihrem Tod in wissenschaftliche Sammlungen integriert. Daneben erlebte vor allem das frühe 18. Jh. eine regelrechte Welle an Zwergenkarikaturen und Zwergenfiguren, die etliche künstlerische Bereiche, von der Druckgraphik bis zum Kunsthandwerk und zur Gartenkunst, erfasste und nicht selten Rückkopplungen mit dem Hof und höfischen Festen aufweist.

Die Tagung möchte dieses Thema in seinen unterschiedlichen Facetten und ausdrücklich interdisziplinär in den Blick nehmen und dabei besonders die Wechselwirkungen zwischen kleinwüchsigen Menschen und ihren vielfältigen Repräsentationen in den Künsten ins Zentrum stellen. Wir bitten daher um Einsendungen aus allen historisch arbeitenden Disziplinen, der Geschichtswissenschaft, Medizingeschichte, Kunst- und Kulturgeschichte, Literaturwissenschaft, Musik- und Theaterwissenschaft, Archäologie etc. Der geographische Schwerpunkt soll auf dem deutschsprachigen Raum liegen.

Für die Tagung bzw. den Sammelband besteht die Möglichkeit, Vorschläge für einen Vortrag (der später gedruckt werden soll) bzw. einen Vorschlag für einen ausschließlich schriftlichen Beitrag für den Sammelband einzureichen.

Bei Vorschlägen für schriftliche Beiträge werden auch gerne Kurzbeiträge berücksichtigt, die sich aus der konservatorischen oder wissenschaftlichen Betreuung von Sammlungsstücken ergeben.

Themenvorschläge könnten etwa einen oder mehrere der folgenden Aspekte (oder gerne auch andere) umfassen:

  • religiöse, medizinische, teratologische oder andere Diskurse im Zusammenhang mit Kleinwuchs
  • gesellschaftliche Stereotype im Umgang mit Kleinwüchsigen
  • Überlegungen zur Körpergröße als Differenzkategorie
  • Zwerge als Mirabilia in Kunst- und Wunderkammern
  • Hofzwerge und ihre Repräsentationen in der Kunst
  • Kleinwüchsige als Akteure und ihre Selbstwahrnehmungen
  • kleinwüchsige Schausteller auf Jahrmärkten
  • Zwerge und Narren und Fragen der Körperkomik
  • Wahrnehmungen und Beschreibungen von Kleinwüchsigen und Zwergendarstellungen (etwa in Reiseberichten oder Briefen)
  • Zwergenkarikaturen, ihre Verbreitung in Druckgraphik und Kunsthandwerk und ihre Verbindung zum Hof
  • Zwergenskulpturen und Zwergengärten als Bestandteil von Residenzgärten
  • (Hof-)Zwerge in Literatur und Musik

Themenvorschläge (in dt./engl.) für bislang unpublizierte Beiträge mit einer Zusammenfassung (max. 2.000 Zeichen) und einem CV (mit Angaben der einschlägigen Publikationen) werden erbeten bis zum 30. September 2022 an: Hainhofer-Kolloquium-5@t-online.de

Die Reise- sowie Übernachtungs- und Verpflegungskosten werden für Vortragende vom Veranstalter übernommen. – Tagungssprachen sind Deutsch und Englisch.

Doktorandinnen und Doktoranden sowie Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler der Post-doc-Phase werden ausdrücklich zur Bewerbung ermutigt.

Die angenommenen Beiträge werden in einem von Andreas Tacke, Eva Seemann und Michael Wenzel herausgegebenen Sammelband in der Hainhoferiana-Schriftenreihe der Schwabenakademie Irsee beim Michael Imhof Verlag (Petersberg) im Frühjahr 2024 gedruckt vorliegen; Abgabetermin für alle Manuskripte wird deshalb der 04.10.2023 sein.

Den Rahmen der Philipp-Hainhofer-Kolloquien der Schwabenakademie Irsee bildet das Langzeitvorhaben der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) „Kommentierte digitale Edition der Reise- und Sammlungsbeschreibungen Philipp Hainhofers (1578–1647)“. Für das V. Philipp-Hainhhofer-Kolloquium der Schwabenakademie Irsee konnte Eva Seemann (Zürich / Berlin) vom Historischen Seminar der Universtiät Zürich als Kooperationspartnerin gewonnen werden.

Lucas Cranach der Jüngere-Werkstatt „Pygmäen attackieren den schlafenden Herkules“, signiert und 1551 datiert; Öl auf Lindenholz, 179 x 259 cm; Dresden, Gemäldegalerie Alte Meister, Inv. Nr. 1943

 

Philipp Hainhofer (1578–1647), der 1617 und 1629 Dresden besuchte, erwähnt in der Residenz drei – bekannt sind heute nur noch zwei – Gemälde, die Herkules bei den Pygmäen darstellen. 1629 ist er bezüglich der Bilder besser informiert, als 1617.

 

• Friedrich Ludwig von Medem: Philipp Hainhofers Reise-Tagebuch, enthaltend Schilderungen aus Franken, Sachsen, der Mark Brandenburg und Pommern im Jahr 1617. In: Baltische Studien 2, 1834, Heft 2, S. 127ff. Dresdener Reise von 1617, hier S. 139: „Zümmer, (…), welches man die Zwergenstuben haisset, dieweil 3 schöne grose Taflen von Zwergen, die mit ainem grosen Risen kämpfen, und Albrecht Durer gemahlt hat, darin hangen.“

 

• Oscar Doering: Des Augsburger Patriciers Philipp Hainhofer Reisen nach Innsbruck und Dresden (Quellenschriften für Kunstgeschichte und Kunsttechnik des Mittelalters und der Neuzeit; NF, 10), Wien 1901, S. 139ff. Dresdener Reise von 1629, hier S. 208: „Die Thurnkammer ist vnder dem schlosthurn, auf welchem die grosse vhren vnd glocken hangen. Thurn oder Risenstübichen, in welcher dreӱ schöne grosse taflen von den Risen vnd klainen leuthen die casa picciol' huominj hangen Ao 1551 von Luca Kronacher gemahlet.“

 

Lucas Cranach der Jüngere-Werkstatt „Der erwachte Herkules vertreibt die Pygmäen“, signiert und 1551 datiert; Öl auf Lindenholz, 188 x 261 cm; Dresden, Gemäldegalerie Alte Meister, Inv. Nr. 1944